Die EU-Kommission hat die Europäer am Dienstag dazu aufgefordert, von zu Hause zu arbeiten, weniger Auto zu fahren und weniger zu fliegen. Gleichzeitig ermahnte sie die Mitgliedsländer, in der während des Iran-Kriegs anhaltenden Energiekrise dringend die erneuerbaren Energien auszubauen.
In einer Rede, die an die Anfänge der Corona-Pandemie erinnerte, warnte der EU-Energiechef Dan Jørgensen vor einer „sehr ernsten Lage“, deren Ende nicht absehbar sei.
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„Selbst wenn morgen Frieden herrscht, werden wir in absehbarer Zeit nicht zur Normalität zurückkehren“, sagte er nach einem außerordentlichen Treffen der 27 EU-Energieminister am Dienstag, bei dem die Krise diskutiert wurde.
„Je mehr man tun kann, um Öl zu sparen, vor allem Diesel, vor allem Flugzeugtreibstoff, desto besser geht es uns“, sagte Jørgensen und bestätigte damit einen früheren Bericht der WELT-Partnerpublikation „Politico“, wonach Brüssel die Europäer dazu bringen will, weniger zu reisen.
Jørgensen forderte die Mitgliedsländer auf, die Ratschläge der Internationalen Energieagentur zu befolgen, wie etwa „wenn möglich von zu Hause aus zu arbeiten, die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Autobahnen um zehn Kilometer (pro Stunde) zu reduzieren, öffentliche Verkehrsmittel zu fördern, das Nutzen von Privatfahrzeugen einzuschränken, Carsharing zu verstärken und effiziente Fahrpraktiken anzuwenden“.
Langfristig forderte er die EU-Mitgliedstaaten auf, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu verdoppeln: „Dies muss der Zeitpunkt sein, an dem wir endlich das Ruder herumreißen und wirklich energieunabhängig werden“.
Die Gespräche zwischen den Ministern am Dienstag endeten ohne konkrete Vorschläge, obwohl Jørgensen versprach, dass die Kommission in naher Zukunft ein Paket von Maßnahmen auf EU-Ebene ankündigen werde.
Die Befürchtungen nehmen zu, dass die Welt vor einer großen Energiekrise steht, die sogar den Ölschock der 1970er Jahre übertreffen und weltwirtschaftliche Auswirkungen haben könnte, die mit denen der Coronavirus-Pandemie vergleichbar sind.
Seit den ersten Angriffen der USA und Israels auf den Iran vor über einem Monat sind die Öl- und Gaspreise um bis zu 70 Prozent gestiegen. Ein Fünftel der weltweiten Rohöl- und Flüssiggasversorgung läuft über die Straße von Hormus, die der Iran blockiert.
Bei den Gesprächen der Energieminister wurden staatliche Beihilfen, der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Kernenergie zur Erhöhung der Energiesicherheit sowie die Unterstützung des Kommissionsvorschlags zur Förderung von Biokraftstoffen gefordert, wie mit den Gesprächen vertraute Personen berichten. Die nordischen Länder wiesen auf die Notwendigkeit hin, die Energieinfrastruktur zu schützen.
Laut mehreren Diplomaten, die anonym bleiben wollten, waren die Erwartungen an konkrete Maßnahmen im Vorfeld des Treffens gering. Das Ziel sei es gewesen, nationale Maßnahmen zu koordinieren.
Dieser Text erschien zuerst bei der WELT-Partnerpublikation „Politico“.