Sie wollen sich nicht von Trump ausnutzen lassen

Wäre Kaywan Muzfer Qader nicht von einer Rakete getroffen worden, hätte er bald seinen ersten Hochzeitstag gefeiert. Kaywan war ein Peschmerga, ein Kämpfer im irakischen Kurdistan. Doch gekämpft hat er nie. Er wurde 21 Jahre alt.

„Wir sind umgeben von Feinden“, sagt Ahmed Muzfer Qader, der Vater von Kaywan und selbst ein Peschmerga. Er hat in den Siebzigerjahren mit den Iranern gegen die Truppen des irakischen Präsidenten Saddam Hussein gekämpft. Dann, 2014, war er an der Seite der US-Amerikaner Teil der sogenannten Anti-IS-Koalition; damals erwischte der Splitter einer Artilleriegranate seinen Rücken. Seitdem ist er von der Hüfte an abwärts gelähmt. Er hat dem Freiheitskampf seinen Körper geopfert – und jetzt seinen Sohn.

Stolz sei er, sagt er, auf dem Bauch liegend in seinem Zuhause in den Hügeln über Soran. Die Stadt liegt im Nordwesten Kurdistans, knapp 30 Kilometer von der Grenze zum Iran entfernt. Ahmed ist 55 Jahre alt, er hat kurz geschorenes Haar und einen entschlossenen Blick. Jetzt ruht er für einen Moment aus, Mittagspause von der langen Trauerfeier. Es ist der Tag der Beerdigung seines Sohns. Er selbst, sagt Ahmed, habe seinen Sohn vor drei Jahren zum Registrierungsbüro der Peschmerga gebracht, den bewaffneten Einheiten, die jede kurdische Partei unterhält.

Kaywan sei immer großzügig und bescheiden gewesen, habe sich nie aus der Ruhe bringen lassen, sagt Ahmed. Jetzt ist er ein Märtyrer. Der Iran hatte die Rakete abgefeuert, die ihn traf, und zwei Tage später mitgeteilt, dieser Angriff sei ein „bedauerlicher Fehler“ gewesen. 

„Sie lügen“, sagt Ahmed. „Sie wollen uns Kurden auslöschen.“ Aber er sagt auch, dass der Irankrieg ein Krieg der USA und Israels sei. „Das ist nicht unser Kampf.“

Trotzdem betrifft der Irankrieg auch die Kurden im Irak, ob Ahmed Qader das will oder nicht. Sein Sohn ist einer von sechs getöteten Kämpfern, die vergangene Woche von Raketen aus dem Iran getroffen wurden. Eine weitere Stufe der Eskalation.

Denn der Krieg weitet sich aus. Die Golfstaaten werden angegriffen, Israel und die Hisbollah bekämpfen sich im Libanon, am vergangenen Wochenende stiegen auch die Huthis im Jemen in den Krieg ein. In der autonomen Region Kurdistan wie im ganzen Irak versuchen sie, sich so gut wie möglich herauszuhalten. Doch das gelingt mit jedem Tag weniger. Und US-Präsident Donald Trump hat seinen Anteil daran.

Am 4. März berichtete die , der US-amerikanische Auslandsnachrichtendienst CIA versorge womöglich iranisch-kurdische Kämpfer mit Waffen, um sie dann im Krieg gegen das Regime in Teheran als Bodentruppen einzusetzen. Trump befand das öffentlich für gut. Zwei Tage später sagte er das Gegenteil und mahnte, der Krieg sei kompliziert genug. Man wolle keine Einmischung durch die Kurden und ihre bewaffneten Einheiten. Die gerieten trotzdem unter Beschuss, aus dem Iran und durch proiranische Milizen im Irak. Entweder, so lässt sich das deuten, hat Trump die Komplexität vor Ort unterschätzt, oder sie war ihm egal.

Unterdrückung, Tragödien und Gewalt

Die Geschichte der Kurden ist komplex, voller Tragödien und Gewalt. Sie gelten mit 30 bis 40 Millionen Menschen als das größte Volk der Welt ohne eigenen Staat, wurden immer wieder unterdrückt. In der Türkei hat die kurdische Arbeiterpartei PKK, die von mehreren Ländern als Terrororganisation eingestuft wird, im vergangenen Mai ihre Auflösung angekündigt. In Syrien hat die Armee von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa erst im Dezember die kurdischen Truppen der SDF gewaltsam auf Linie gebracht und dabei deren Selbstverwaltungszone Rojava faktisch aufgelöst. Auch im Iran, wo die Kurden etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden sie unterdrückt: damals vom Schah, heute von den Mullahs. Im Irak haben sie sich immerhin eine autonome Region erstritten, ein fragiles Gebilde.

Die Peschmerga in Kurdistan werden jetzt angegriffen, obwohl sie keinen einzigen Fuß in den Iran gesetzt und keine einzige Patrone abgefeuert haben. Sicher, diskutiert habe man darüber, sagen ihre Parteikader und Kommandeure. Im Januar ging das los, parallel zu den Protesten im Iran, nachdem das iranische Regime die eigene Bevölkerung auf den Straßen niedergeschossen hatte. Da schlossen sich mehrere iranischstämmige kurdische Oppositionsparteien, die im irakischen Kurdistan im Exil leben, zu einer Koalition zusammen. Zu der Koalition zählen etwa PAK, die PJAK, die KDPI sowie mehrere Parteien mit dem Namen Komala. Hinter jedem Namen und jeder Abkürzung verbergen sich leicht unterschiedliche Ideologien und auch Standpunkte, wie man sich in diesem Konflikt verhalten solle.

Worauf sich die Koalition aber einigen konnte: Alle wollten die Demonstrierenden im Iran unterstützen. Dann begannen die USA und Israel den Krieg, dann kamen Gerüchte auf, die USA wollten Peschmerga als Bodentruppen einsetzen. Anfangs löste das bei einigen der Parteien noch ein gewisses Interesse aus. Die Parteien übertrumpften einander mit Aussagen darüber, wie lange sie schon im Widerstand seien und wie viele Kämpfer sie im Iran hätten.

20 Minuten, dann wird es zu gefährlich

Zu den kampfeslustigsten der Oppositionsparteien zählt die PAK. Rubar Laylaxi ist Kommandeurin bei den PAK-Peschmerga. Frauen spielen traditionell eine wichtige Rolle in diesen Truppen, Gleichberechtigung war stets eine ihrer zentralen Forderungen. Das Treffen findet an einem Ort statt, der ein Camp der PAK war, in dem die Peschmerga ihre Familien unterbrachten. Jetzt ist es ein Trümmerhaufen, etwa eine halbe
Autostunde östlich von Erbil.

20 Minuten, sagt die 34-Jährige gleich zur Begrüßung, länger könne hier niemand bleiben. 20 Minuten, dann werde es zu gefährlich. Wie gefährlich, das zeigt ein Blick über das Gelände. Über Trümmer von Häusern, über einen Krater, wo eine Rakete einschlug, ihre scharfkantigen Überreste stecken noch im Boden. Und überall in den Wänden: daumen- bis faustgroße Löcher, Treffer von Streumunition.

Die Raketen schlugen am 4. März ein – dem Tag, an dem das Gerücht mit den Bodentruppen die Runde machte. Erst eine, dann noch eine, dann eine dritte. Wenige Sekunden lagen dazwischen. Kaum genug, um sich zu Boden zu werfen. Keinesfalls genug, sich in Sicherheit zu bringen. Drei Menschen wurden leicht verletzt, ein Mann starb bei dem Angriff.

Deshalb wurde das Camp geräumt, deshalb auch die 20-Minuten-Regel. Wenn der Iran hier Bewegung bemerkt, fürchten die Peschmerga, wird er wieder feuern. „Wir waren immer bereit für den Kampf“, sagt Laylaxi, ausgestattet mit Schussweste, Maschinengewehr und reichlich Ersatzmagazinen. „Wir sind es auch jetzt.“ Es klingt, als würde die PAK mit ihrer Kommandeurin durchaus in den Iran einmarschieren wollen. Doch damit ist Laylaxi unter den Koalitionspartnern und bei der Mehrheit der kurdischen Bevölkerung eher allein – und auch innerhalb ihrer Partei mittlerweile in der Minderheit.

Jeder Angriff eine Warnung

Eine halbe Stunde vom ehemaligen PAK-Camp entfernt liegt die Stadt Koya. Sie ist Zentrum für verschiedene Oppositionsparteien in Kurdistan. Schon von Weitem ist die schwarze Rauchsäule zu sehen. Eine Drohne hat ein weiteres Peschmerga-Camp getroffen. Die Soldaten an einem Checkpoint, der nur wenige hundert Meter vom Camp entfernt liegt, sind nervös. Dann schlägt noch eine Drohne ein. Es kracht. Mehr Rauch steigt auf.

Jeder dieser Angriffe ist eine Warnung an die Kurden, sich bloß nicht in die Angelegenheiten des Iran einzumischen. Und das zeigt Wirkung. Die PJAK ließ mittlerweile über Social Media wissen, sie lehne eine Zusammenarbeit mit den USA ab. Und auch die anderen Parteien bemühen sich überwiegend um Deeskalation.

Politik statt Kampf

Im Süden von Kurdistan liegt die Stadt Suleimanija. In dieser Gegend sind die Verbindungen zum Iran oft noch enger als im Norden. Das Zagrosgebirge zwischen den beiden Ländern flacht hier ein wenig ab, Menschen pendelten früher zwischen den Ländern zur Arbeit, zu Verwandten oder Freunden. Seit Kriegsbeginn ist die Grenze weitgehend geschlossen. Iranische Spione halten sich auf irakischer Seite im Grenzgebiet auf, mutmaßlich um Bewegungen der Peschmerga zu beobachten. Manche in Kurdistan fürchten, die Spione könnten auch Entführungen planen oder Anschläge vorbereiten.

Ein Camp der Komala, einer anderen iranischstämmigen Oppositionspartei, befindet sich außerhalb von Suleimanija. Deren Generalsekretär Hassan Rahmanpanah gibt sich alle Mühe, entschlossen zu klingen und gleichzeitig die eigenen Leute in Disziplin zu halten. Er trägt einen tiefblauen Pullover und ein Hemd darunter, alle anderen im Camp tragen Uniform.

„Wir bekämpfen das Regime in Teheran seit 47 Jahren“, sagt er, aber jetzt sei nicht der Zeitpunkt, zu den Waffen zu greifen. Man wolle politische Lösungen, und vor allem müssten sich die Menschen im Iran selbst gegen das Regime stellen. Schon gar nicht wolle man sich von den USA ausnutzen lassen, damit hätten die Peschmerga in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht.

Kein Vertrauen in die USA

Denn in den Siebzigerjahren unterstützten der Iran und die USA die Kurden im Kampf um Autonomie vom Irak, vor allem aber, um die dortige Regierung zu schwächen. 1975 schlossen Teheran und Bagdad ein Abkommen, die Kurden waren die Verlierer. Nach dem Ende des Zweiten Golfkriegs 1991 rief wiederum US-Präsident Bush Senior die Kurden zum Widerstand gegen Saddam Hussein auf. Als der die Kurden daraufhin mit Bomben bewarf und Zehntausende tötete, kam die Unterstützung der USA vielen zu spät. Daran erinnern sie sich in Kurdistan gut.

Unruhe bricht im Camp aus. Alle raus! Drohnen nähern sich. Schon wieder. Eine Einrichtung der Partei wurde erst in der Nacht zuvor angegriffen. Zu sehen ist nichts, der Himmel ist voller Regenwolken. Nur das Dröhnen der Drohnen ist zu hören. Dann ein Krachen. Das wenige Kilometer entfernte Nachbarcamp wurde erneut angegriffen.

Rahmanpanah sagt, der Iran werde diesen Krieg nicht verlieren. Er werde geschwächt daraus hervorgehen, aber nicht geschlagen. Seine Idee von der Zukunft sei daher: Nachdem die Kämpfe enden, müssten die Menschen im Iran durchatmen dürfen. Anschließend würden sie sich gegen ein geschwächtes Regime selbst auflehnen. Das könne der Zeitpunkt sein, einzugreifen.

Zurückgekehrt, um zu helfen

So viel Geduld haben nicht alle in der Partei. Am nächsten Morgen wird im Komala-Camp das Fest zum Ende des Ramadan begangen; Chiako Mohammadi und die meisten anderen haben traditionelle Peschmerga-Tracht angezogen, beige Overalls mit meist gebundenen Bauchgurten. Mohammadi führt vor dem Essen durchs Camp, zeigt die Baracken, solange keine Drohnen zu hören sind.

Mohammadi ist 30 Jahre alt und spricht Deutsch. Er ist im Iran aufgewachsen und später mit seinen Eltern nach Kurdistan im Irak geflohen, nachdem sein Vater mehrere Jahre im Evin-Gefängnis in Teheran gewesen war. Dort werden politische Gefangene weggesperrt, gefoltert und hingerichtet. Die Wut auf das iranische Regime hat Mohammadi schon als Kind gelernt. Aber ihm fehlt, anders als dem Generalsekretär, die Erfahrung, wie gefährlich es ist, sich mit dem Iran anzulegen.

Zwei Jahre lang hat Mohammadi mit seiner Frau in Niedersachsen gelebt, als Pflegehilfskraft gearbeitet. Sie ist noch dort, würde gern auch nach Kurdistan kommen, auch sie ist
eine Peschmerga. Aber das ist nicht so leicht, der Luftraum im gesamten Nahen Osten ist nahezu geschlossen. Mohammadi ruft seine Frau per Video an. Hallo, ein kurzes Gespräch, dann zieht sie den Reißverschluss ihres Anoraks zu und verabschiedet sich wieder. Sie hat einen Termin bei der Sparkasse. 

Mohammadi ging zurück nach Kurdistan, als die Proteste im Iran begannen. Er habe helfen wollen, wenn es nötig sei, sagt er. Nicht alle in Deutschland hätten seine Entscheidung verstanden.

Auch Mohammadi glaubt, jetzt sei nicht der Zeitpunkt für die Peschmerga, in den Krieg einzusteigen. Nicht für die im Iran, schon gar nicht für die im Irak. Aber er hoffe, dass dieser Moment bald kommen werde, sagt er. Und das sagen auch andere im Camp. Mit jedem Angriff wird die Unruhe größer, aber auch die Angst vor den Folgen.

Mahnungen aus Bagdad

Für die Region Kurdistan und für den gesamten Irak wäre ein Kriegseintritt sehr gefährlich. Die kurdische Regionalregierung mahnte die Oppositionsparteien deshalb, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Und Iraks First Lady Shanaz Ibrahim Ahmed, selbst Kurdin, sagte kürzlich: „Lasst die Kurden in Ruhe! Wir sind keine Söldner, die man einfach mieten kann.“ Eine klare Botschaft an die USA. 

In der irakischen Hauptstadt Bagdad scheint man ebenfalls mit den US-Amerikanern nur noch so wenig wie möglich zu tun haben zu wollen. Zwar sind die USA militärisch in Irak und in Kurdistan noch sehr präsent. Nur scheint sich in den vergangenen Tagen die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Anwesenheit amerikanischer Streitkräfte nicht zur Sicherheit der Bevölkerung beiträgt. 

Der irakische Ministerpräsident Mohammed Schia al-Sudani bestätigte am 23. März die Auflösung der 2014 gegründeten Anti-IS-Koalition. Die USA werden sich bis September 2026 aus dem Land zurückziehen – womöglich früher.

Die Terroristen eskalieren

Fast jede Nacht fliegen aus dem Süden des Irak und aus dem Iran Drohnen und Raketen auf US-Einrichtungen wie den Flughafen in Erbil; das US-Konsulat, sogar Hotels wurden schon angegriffen, in denen angeblich US-Mitarbeiter verkehren. Zwar werden viele Angriffe vom US-Militär abgefangen, aber regelmäßig fallen dann Trümmer vom Himmel, die auch Zivilisten in Gefahr bringen. Luftalarm, Frühwarn-Apps und Schutzräume – all das gibt es in Kurdistan nicht. Und mit jedem Angriff wird in der Region die Haltung deutlicher spürbar: Wären die Amerikaner nicht hier, gäbe es auch nichts zu beschießen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn die Angriffe richten sich nicht nur gegen die USA, nicht nur gegen die Kurden, sondern auch gegen die Regierung in Bagdad. Und sie kommen nicht nur aus dem Iran. Ein großer Teil der Drohnen wird von Terrorgruppen im Irak abgefeuert. Es sind meist proiranische Milizen, die sich vor allem im Süden des Irak aufhalten.

In den vergangenen Tagen eskalierten diese Terroristen die Lage ebenso wie der Iran. Sie beschossen die Zentrale des irakischen Geheimdiensts mitten in Bagdad, sie griffen irakische Stützpunkte an und töteten dabei Soldaten der Regierung. Sie schossen sogar auf das Haus des kurdischen Präsidenten.

Nicht irgendeine Beisetzung

Die USA antworteten mit Luftschlägen auf Stellungen der Milizen, wogegen wiederum die irakische Regierung protestierte. 

Und in dieser Woche griff der Iran auch ein Camp der PDK an – eine der beiden Regierungsparteien in Kurdistan. Das war der Angriff, bei dem Kaywan Muzfer Qader getötet wurde.

Für einen Moment verliert sein Vater die Fassung und weint. Bis jetzt hatte er sich zusammengerissen, stolz die Tugenden seines Sohns betont. Aber jetzt, auf seiner Matratze, ist er mit der Trauer allein. Was ist seine Lieblingserinnerung an Kaywan? Er überlegt kurz: „Ich habe früher als Betonbauer gearbeitet. Kam einmal von der Arbeit nach Hause, noch ganz dreckig. Aber er hat an der Tür auf mich gewartet, nahm meine Hand und sagt: Lass uns was essen gehen, Papa.“

Am Nachmittag geht die Trauerfeier weiter. Der Vater wird dort sitzen, während ihm Hunderte Männer kondolieren. Draußen werden Fernsehteams warten und dann die Generäle, Parteifunktionäre und den Ministerpräsidenten von Kurdistan filmen, wie er mit seinem Konvoi gepanzerter Geländewagen angerast kommt. Alle wissen: Das hier ist nicht irgendeine Beisetzung. Es ist Weltpolitik. Sie werden die Bilder der Märtyrer in den Abendnachrichten senden. Dann wird auch Ahmed wieder Haltung zeigen.

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