Aldi hält die Taktzahl hoch: Sieben Preissenkungen in den ersten sechs Wochen des neuen Jahres vermeldet der Discounter – und sieht sich damit bestätigt als Preisführer in Deutschland. Und das lässt der Händler auch den Verbraucher mantraartig wissen, sei es in Radio- und TV-Spots oder auf Plakatwänden und in Online-Anzeigen. Denn Aldi fühlt sich angegriffen und herausgefordert. Und tatsächlich versucht Konkurrent Lidl seit geraumer Zeit, das Preisführer-Image zu übernehmen.
Über Jahrzehnte war die Rollenverteilung im deutschen Einzelhandel eindeutig: Aldi, der Erfinder des Discount-Prinzips, setzt einen Preis und die Konkurrenz muss nachziehen. Auch Lidl. Mittlerweile aber ist der Discounter der Schwarz-Gruppe im Größenvergleich fast ebenbürtig und damit zunehmend selbstbewusst.
Das sieht man zum Beispiel beim Umsatz: Auf 30,4 Milliarden Euro summierten sich die Nettoerlöse von Lidl 2024, melden die Handelsforscher des EHI Retail Instituts, Aldi Nord und Süd kamen zusammengenommen auf 33,7 Milliarden. Im Digitalgeschäft mit Technik und Artikeln, die keine Lebensmittel sind, wiederum hat sich Lidl bereits an die Spitze gesetzt, Aldi hat hingegen seinen Onlineshop Ende September vergangenen Jahres mangels Rentabilität sogar wieder geschlossen.
Die kontinuierliche Aufholjagd mündet nun in einer handfesten Auseinandersetzung um die Vorherrschaft auf dem Heimatmarkt. Und da hat Lidl zuletzt mehrfach Angriffe gestartet. Zuerst im vergangenen Sommer mit der „größten gleichzeitigen Preissenkung in der Geschichte von Lidl“. Dauerhafte Reduzierungen für gut 500 Artikel hatte der Händler damals versprochen, allerdings ohne die konkrete Nennung von Produkten und Preisen – weshalb die Verbraucherzentrale Hamburg den Branchenriesen derzeit wegen angeblich irreführender Werbung verklagt. Aldi zog nach mit in Summe 1000 reduzierten Produkten – und das ohne Angriffspunkte für Verbraucherschützer zu liefern.
Seither verlagert sich die Auseinandersetzung auf die Ebene von Einzelprodukten. Kaffee ist dafür ein Beispiel, vor allem aber Milchprodukte. Teils im Wochenrhythmus gab es mal von Lidl und mal von Aldi initiierte Preissenkungen für Käse, Sahne, Joghurt – und vor allem für Butter. 99 Cent kostet derzeit der klassische 250-Gramm-Würfel der jeweiligen Eigenmarke. Damit hat sich der Preis binnen Jahresfrist mehr als halbiert.
Und nun folgt bereits die nächste Kategorie im Discounter-Kampf: Schokolade. Den Anfang machte Aldi. Kurz vor Weihnachten gab es erste Preissenkungen bei einigen Eigenmarken-Produkten, allen voran Tafel-Schokolade – die Konkurrenz zog jeweils nach. Passend zum Start der Internationalen Süßwarenmesse (ISM) in Köln folgt in diesen Tagen der nächste Schritt. Diesmal werden von Aldi insgesamt 30 Artikel der Eigenmarken Choceur und Moser Roth reduziert, mindestens um zehn, teilweise auch um bis zu 50 Cent pro Tafel oder Packung.
Lidl kontert – und senkt ebenfalls Schokoladenpreise
Die Antwort von Lidl folgte umgehend: Bei gut einem Dutzend Produkten hat der Discounter aus Baden-Württemberg die Preissenkungen sogar noch unterboten, etwa bei Schokolinsen oder bei Vollmilch-Tafeln mit Mandeln oder Salzcashews seiner Eigenmarken Fin Carré, Mister Choc und J.D. Gross. „Der Preisführer reduziert ab sofort einen großen Teil seiner Schokoladen-Eigenmarken“, heißt es selbstbewusst in der entsprechenden Ankündigung. Und dass man nun zum vierten Mal binnen acht Tagen die Preise reduziert habe. Die Wortwahl kommt dabei nicht von ungefähr, sagen Experten. Denn Preisführerschaft sei heute weniger eine Kalkulationsfrage als vielmehr ein strategisches Gesamtpaket.
Mit der Schokolade haben sich die Discounter für ihren Streit nun den nächsten sogenannten Eckpreisartikel vorgenommen. Gemeint sind Produkte, die besonders häufig gekauft und bei denen Preisänderungen damit von den Verbrauchern stärker wahrgenommen werden als bei anderen Warengruppen, zumal die Preiskenntnis jeweils hoch ist. Neben Schokolade sind das auch die zuvor umkämpfte Butter oder auch Kaffee, Milch, Nudeln und Bier.
Mit niedrigen Preisen für Handelsmarken und Rabattaktionen für Markenware in diesen Bereichen sollen Kunden in die Läden gelockt werden, wo sie dann meist mehr als nur die Lockvogelprodukte kaufen. Damit erfüllt sich dann eine Mischkalkulation mit einerseits besonders billigen Produkten, mit denen sich kaum Geld verdienen lässt, und andererseits Randsortimenten mit besonders hohen Margen.
Die Aufmerksamkeit für das bei Verbrauchern emotionale Produkt Schokolade dürfte dabei besonders hoch sein. Denn die beliebte Süßware hat sich zuletzt massiv verteuert, die klassische 100-Gramm-Tafel zum Beispiel um 70 Prozent seit dem Jahr 2020, wie das Statistische Bundesamt meldet. Besonders groß waren die Sprünge dabei in den vergangenen beiden Jahren.
Grund sind die stark gestiegenen Kakaopreise. Pendelte der durchschnittliche Weltmarktpreis lange Zeit zwischen 2000 und 3000 US-Dollar pro Tonne, waren es 2024 im Mittel über 7000 und 2025 fast 8000 Dollar. In der Spitze wurden zeitweise sogar rund 12.000 Dollar pro Tonne aufgerufen, auch getrieben von Spekulanten.
Die Auswirkungen haben Händler und Hersteller an der Ladenkasse unmittelbar zu spüren bekommen. Jedenfalls war 2025 hierzulande ein schlechtes Jahr für die Anbieter von Schokoladenwaren. Um sieben Prozent ist der Absatz im mit Abstand größten Süßwaren-Segment eingebrochen, meldet der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI).
Dass gleichzeitig die Umsätze deutlich gestiegen sind, konkret um über zwölf Prozent, bringt der Branche gar nichts, moniert nicht nur der BDSI. „Umsatz ist nicht gleich Gewinn“, erklärt zum Beispiel Andreas Ronken, der Geschäftsführer von Ritter Sport mit Verweis auf die eigene Bilanz. Die nämlich weist für 2025 mit 712 Millionen Euro einen fast 18 Prozent höheren Umsatz aus, unter dem Strich stehen geringere Verkaufszahlen, vor allem aber Verluste. „Die massiven Kostensteigerungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette konnten durch das Umsatzwachstum nicht kompensiert werden“, erklärt Ronken. Denn in den letzten Jahren seien neben dem Kakao auch die Preise für Energie, Logistik und Verpackung deutlich gestiegen. Und das habe man trotz erhöhter Abgabepreise nicht vollständig an den Handel weitergeben können.
Dass die Discounter sich nun bei der Schokolade duellieren und die Preise spürbar senken – jedenfalls bei den Eigenmarken – dürfte Ronken wie auch der Rest der Branche mit Sorge registrieren. Schließlich erwartet der Verbraucher ähnliche Entwicklungen nun auch bei der Markenware, sagt Ulrich Zuenelli, der Aufsichtsratsvorsitzende des Süßwarenhandelsverbands Sweets Global Network. Für ihn ist das Aldi-Lidl-Duell keine Überraschung. „Dass der Wettbewerb in Deutschland über den Preis erfolgt, ist klar und bekannt. Also arbeiten die Discounter wo immer es geht an ihrem Image.“ Dafür würden auch mal auch Verluste in Kauf genommen. „Wobei der Markt die Preissenkungen bei Schokolade aktuell sogar hergeben könnte.“
Zuenelli spielt damit auf den aktuellen Preisrutsch bei Kakao an. Wurden zu Beginn des Jahres 2025 noch knapp 9800 Dollar fällig, waren es zum Jahreswechsel 2026 noch rund 6000 Dollar. Und aktuell hat sich der Preis sogar auf 4200 Dollar reduziert – auch wenn das noch immer ein hohes Niveau ist im Vergleich zur Zeit vor den Rekordständen. „Die Frage ist, wann haben Aldi und Lidl für ihre eigenen Schokoladen-Werke Kakao gekauft und wann haben sie Verträge mit zusätzlichen Lieferanten abgeschlossen“, sagt Experte Zuenelli.
Tatsächlich dürften viele Anbieter derzeit – und manche auch in den kommenden Wochen und Monaten – noch teuer eingekaufte Bestände verarbeiten. Auch Lambertz. Der Weltmarktführer für sogenanntes Herbst- und Weihnachtsgebäck wie Lebkuchen, Printen, Dominosteine und Co. hat sich schon vor Monaten eingedeckt, um sicher versorgt zu sein mit Rohwaren, wie Inhaber Hermann Bühlbecker berichtet. „Wir haben Verträge geschlossen für die Monate Mai, Juni und Juli, wenn bei uns die Produktion der Saisonartikel beginnt. Denn wir können es uns nicht erlauben, zu spekulieren und dann auf einmal nicht ausreichend versorgt zu sein.“ Bezahlen muss Lambertz dabei den Kakaopreis zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses, nicht den Kurs zum Zeitpunkt der Auslieferung.
Bühlbecker rechnet daher mit schwierigen Verhandlungen mit den Einzelhandelsketten, mit denen sein Management-Team bereits in den kommenden Wochen über die Belieferung im nächsten Weihnachtsgeschäft spricht. Seine Produkte sieht er dabei wie auch die Artikel anderer Hersteller von Schokoladenwaren zum „Spielball von Wettbewerbsgerangel“ degradiert.
Um Kosten zu sparen, denkt Lambertz nun auch über Verlagerungen nach, wie Bühlbecker berichtet. Vor allem Produkte ohne geografisch geschützte Herkunftsangabe, wie es sie für Aachener Printen, Nürnberger Lebkuchen und Dresdner Stollen gibt, könnten künftig in Polen produziert werden, wo Lambertz bereits zwei Werke betreibt. Das wären zum Beispiel Keksmischungen oder Konfekt. „Für Familienunternehmen wird es immer schwieriger, in Deutschland zu investieren.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.
