„In der Lage sein, sich selbst zu verteidigen“ – So arbeitet Europa an der großen USA-Entkopplung

Eines sei den 27 Staats- und Regierungschefs bewusst gewesen, erzählen jene, die am Donnerstag zu später Stunde den Gesprächen im Sitzungsaal des Brüsseler Europagebäudes beiwohnten: Nach dem Deal ist vor dem Deal.

Bei dem EU-Gipfel herrschte Erleichterung, wie man hört, schließlich hatte Donald Trump kurz zuvor einen Angriff auf Grönland ausgeschlossen und angekündigte Zölle zurückgenommen. Dennoch überwog die Sorge, dass der US-Präsident – ein Mann der Volten und Winkelzüge – es sich erneut anders überlegt und Verhandlungen wieder von vorn beginnen müssen.

Vor Journalisten formulierte es der französische Präsident Emmanuel Macron so: Europa müsse trotz der „akzeptableren“ Situation „wachsam“ bleiben. Und die oberste Diplomatin der EU, Kaja Kallas, sprach von der Notwendigkeit, auch nach Trumps Einlenken „verschiedene Szenarien“ zu besprechen.

Eine Tagesordnung gab es nicht, der Gipfel war kurzfristig angesetzt worden, nachdem Trump vor einer Woche auf der Plattform Truth Social neue Zölle gegen Deutschland und sieben weitere europäische Staaten angekündigt hatte. Ein EU-Gipfel wegen eines Posts im Internet, das ist neu. Es zeigt, wie nervös Brüssel inzwischen ist, wie getrieben in einer Zeit, da die Rivalität überall wächst, mit Russland, mit China, mit dem Verbündeten Amerika.

Die Zölle, so hatte es Trump angekündigt, sollten bestehen bleiben, bis den USA der Kauf von Grönland erlaubt werde. Doch am Mittwoch, keine 24 Stunden vor Beginn des Brüsseler Gipfels, nahm er die Drohung zurück, ebenfalls per Truth Social. Das war wohl vor allem Nato-Generalsekretär Mark Rutte zu verdanken, der einen Deal mit Trump vereinbart hatte.

Bemerkenswert: Bei dem EU-Gipfel erwähnte Ursula von der Leyen, die Präsidentin der EU-Kommission, Rutte öffentlich mit keinem Wort. Stattdessen führte sie Trumps Einlenken auf die Verhandlungsstrategie der EU zurück – wobei nicht klar ist, worin genau die in den vergangenen Tagen überhaupt bestand. Erst auf Nachfrage räumte von der Leyen ein, andere „Elemente“ könnten eventuell auch eine Rolle gespielt haben.

Was nun? Beim Abendessen – serviert wurden Jakobsmuscheln in Walnusskruste und Hähnchen mit vanillegerösteten Pastinaken – sprachen Europas Staats- und Regierungschefs über die transatlantischen Beziehungen. Es gab eine sogenannte Tour de Table, jeder Teilnehmer konnte sich zu Wort melden. Am Ende waren sich alle weitgehend einig, dass jetzt, nach der Sache mit Grönland und den Zöllen, ein Weiter-So unmöglich ist. Europa, das machte diese Brüsseler Nacht klar, arbeitet an einer stärkeren Abkopplung von Amerika.

Bruch eines Tabus

Das gilt vor allem für das Militärische. „Der europäische Teil der Nato muss in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen“, so Bundeskanzler Friedrich Merz. „Auf dem Weg sind wir, auch wenn wir noch längst nicht alles erreicht haben, was wir erreichen müssen.“ Und EU-Ratspräsident António Costa sagte am frühen Freitagmorgen: Man arbeite am Aufbau eines „strategisch autonomeren Europas“.

Alles bekannte Begriffe, doch wer Teilnehmer des Gipfels sprach, merkte schnell: Etwas ist anders nach dieser turbulenten Woche. Der Ton ist ein wenig schärfer geworden, der Frust ein wenig größer. Mit all den Zöllen, die Trump in der Vergangenheit verhängt hatte, konnte die EU irgendwie umgehen. Sie waren unangenehm, aber beherrschbar.

Doch die Drohung, Grönland zu annektieren, empfanden fast alle in Brüssel als Bruch eines Tabus. Plötzlich war es kein Handelsstreit mehr, im Zentrum stand nicht länger die Frage, ob die US-Regierung vielleicht Zölle in Höhe 15 oder 20 Prozent auf Waren aus Europa verhängt. Nun schien auf einmal die territoriale Integrität des Kontinents in Gefahr. Es ging um die Frage, ob das Undenkbare vielleicht doch denkbar wäre: dass Amerika militärisch gegen ein Nato-Mitglied vorgeht.

Sprachlich dazu passend kursierte diese Woche vor Trumps Wende ein martialisches Wort in den europäischen Institutionen: „Bazooka“. Damit ist die schärfste ökonomische Waffe im Brüsseler Arsenal gemeint, offiziell „Instrument zur Bekämpfung von Zwangsmaßnahmen“ genannt. Es würde mehrere Schritte gegen die Vereinigten Staaten ermöglichen. Die EU könnte etwa amerikanische Unternehmen von öffentlichen Aufträgen ausschließen oder Produkten aus dem Land die Zulassung entziehen. Sogar eine Abgabe auf digitale Dienstleistungen wäre möglich – und damit ein Angriff auf Big Tech, das Herz der US-Wirtschaft.

Die Bazooka könnte – der Spitzname legt es nahe – enorme politische und ökonomische Verwüstung anrichten. Und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks, schließlich dürften die Amerikaner zurückschlagen. Der EU-Gipfel hätte das Instrument womöglich auf den Weg gebracht, wäre Trump bei seinen Drohungen geblieben. Nun ist es erst einmal vom Tisch.

Stattdessen deutete Roberta Metsola, Präsidentin des Europäischen Parlaments, die baldige Ratifizierung eines Zoll-Deals aus dem vergangenen Sommer an. Im Juli hatte Kommissionschefin von der Leyen auf Trumps Golfplatz am Rand des kleinen schottischen Ortes Turnberry einer Absenkung fast aller europäischen Zölle auf null zugestimmt – und einer Erhöhung der amerikanischen auf 15 Prozent.

„De-Risking“ gegenüber Amerika

Die Europaabgeordneten dürften das nun, nach Trumps Einlenken im Streit um Grönland, absegnen. Doch was enthält die Vereinbarung zwischen Trump und Rutte eigentlich? Kein Teilnehmer des Gipfels wusste es genau. Recht sicher waren sich alle, dass es um die Errichtung eines Systems zur Abwehr von Raketen und eine stärkere Präsenz des amerikanischen Militärs in der Arktis geht.

Und so war es ein Treffen, bei alles im Ungefähren blieb. Eine Richtung ließ sich dennoch erkennen: Auf weitere Versuche des Anbiederns und Beschwichtigens haben Europas Spitzenpolitiker wenig Lust. Stattdessen halten mehrere von ihnen den Abbau von Abhängigkeiten für sinnvoll. Also ein „De-Risking“ gegenüber Amerika. Bisher – auch das zeigt den Wandel der Weltordnung – war der Begriff für China reserviert.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.

Stefan Beutelsbacher ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York.