DIE ZEIT: Herr Immerwahr, Donald Trump will Grönland kaufen. Die Insel notfalls militärisch zu erobern, schließt er weiterhin nicht aus. Warum ist ihm die Übernahme so wichtig?
Daniel Immerwahr: Als Trump 2019 von Grönland sprach, hielt ich das noch für . Inzwischen nehme ich die Drohung viel ernster. Strategisch scheint Grönland für die Sicherheit der USA trotzdem nach wie vor nicht notwendig: Die USA können bereits heute Ressourcen aus Grönland beziehen, und zwar durch Handel. Sie verfügen über einen Militärstützpunkt und haben das Recht, dort weitere zu errichten.
ZEIT: Was steckt dann dahinter?
Immerwahr: Trump begann seine zweite Amtszeit mit einer Annexionswunschliste: Kanada zu einem US-Bundesstaat machen, die Kontrolle über den Gazastreifen übernehmen und die Palästinenser daraus zu vertreiben, die Panamakanalzone zurückerobern. Und Grönland zu übernehmen – derzeit meiner Meinung nach sein realistischstes Ziel. Ich habe eine Hypothese: In Trumps Kopf sind diese Gebiete weiße oder leere Regionen. In seiner Denkweise können sie von Weißen besiedelt werden. Ihn beschäftigt also die Panamakanalzone, bis 1999 hauptsächlich von US-Amerikanern bewohnt, aber nicht das Land Panama. Trump ist kein Maximalist. Aber es gibt eine bestimmte Art von Raum, für den er sich interessiert.
ZEIT: In welcher Tradition der US-Geschichte stehen Trumps Versuche, das Territorium durch Käufe oder gewaltsame Annexionen zu vergrößern?
Immerwahr: Das gesamte 19. Jahrhundert der USA ist geprägt von imperialer Expansion, etwa im Krieg gegen Mexiko. Trump wird dieses Modell im Sinn haben. Wir sind nur so schockiert darüber, weil wir bislang in einer Ausnahme der US-Geschichte gelebt haben: der Pax Americana nach 1945. Die USA schafften es, die internationale Ordnung relativ stabil zu halten. Sie konnten ihre Macht ausüben, ohne riesige Überseegebiete zu annektieren.
ZEIT: Was waren die wichtigsten Gebietserweiterungen in der Geschichte der USA?
Immerwahr: Die USA erklärten 1776 ihre Unabhängigkeit. Im Jahr 1803 kaufte Thomas Jefferson Louisiana vom napoleonischen Frankreich und verdoppelte damit die Größe der USA. 1846 führten die USA Krieg gegen Mexiko und annektierten einen Teil des Landes. 1867 kaufen sie Alaska. 1898 besiegten sie Spanien in einem Krieg und begaben sich auf imperiale Einkaufstour. Sie übernahmen die spanischen Kolonien Puerto Rico, Guam und die Philippinen sowie die nicht zu Spanien gehörenden Gebiete Hawaii und Amerikanisch-Samoa. Damit verfügten die USA über ein Überseeimperium mit Millionen von Menschen.
ZEIT: Was würde eine erfolgreiche Übernahme Grönlands durch die USA historisch bedeuten?
Immerwahr: Eine Annexion Grönlands fände in einem fundamental anderen politischen Moment statt als noch der Kauf Alaskas 1867. Bis zuletzt wurden koloniale Ambitionen von den USA und einer Mehrheit der Welt schließlich weitgehend abgelehnt. Weltgeschichtlich wäre der Bruch dieses Tabus bedeutender als die Übernahme Grönlands an sich. Auch, wenn die Übernahme enorme Konsequenzen für die Grönländer hätte. Das Gebiet eines Nato-Verbündeten zu übernehmen, würde zum Bruch der transatlantischen Allianz führen.
ZEIT: Hat jemals eine andere US-Regierung versucht, Grönland zu einem US-Territorium zu machen?
Immerwahr: 1946 versuchte US-Präsident Harry Truman, Grönland zu kaufen. Das war jahrzehntelang ein Staatsgeheimnis. Weil wichtige Flugrouten im Kalten Krieg über Grönland gingen, versuchte Truman, die Insel zu erwerben. Die USA wurden zurückgewiesen – und haben dann nicht versucht, Grönland militärisch zu erobern.
ZEIT: Militärische Gewalt will Trump dieses Mal nicht ausschließen.
Immerwahr: Die Trump-Regierung denkt, dass sie Grönland kaufen kann, wenn sie nur glaubwürdig genug mit Gewalt droht. Im Gegensatz zu manch anderen Landkäufen der USA wäre das also keine einvernehmliche Transaktion.