Das Beste der 80er, 90er und von ganz rechts

Es dauert – wir wollen hier ehrlich sein – keine Viertelstunde, bis man mitsummt beim „Patriotenradio“. Was soll man auch tun, wenn sie ein Brett nach dem anderen spielen: erst der breite Groove von von Electric Light Orchestra, dann von Ace of Base. Musikalische Allzweckwaffen seit 30 Jahren, Widerstand dagegen ist zwecklos. Egal auf welchem Sender.

Es ist eine – besonders für deutsche Hörerinnen und Hörer – aufschlussreiche Erfahrung, sich fast ein ganzes Wochenende lang Austria First anzuhören, den neuen Partei-Radiosender der stramm rechten, österreichischen FPÖ. Es tut nämlich (fast) gar nicht weh. Gerade deshalb bleibt man zurück mit einem starken Gefühl der Beklemmung.

Im Jahr 2026 zu parteipolitischen Propagandazwecken ausgerechnet einen Radiosender zu gründen, scheint zunächst anachronistisch. Kriecht man seinen Wählerinnen und Wählern nicht längst effektiver über TikTok und Signal ins Hirn, über Insta und – für die vielen älteren Wählerinnen und Wähler – vielleicht noch über Facebook und Fernsehen? Ja, schon. Aber all das macht die FPÖ bereits erfolgreich.

Über die Jahre haben sich die Freiheitlichen ein eigenes Medienuniversum aufgebaut. Die ersten großen Erfolge kamen mit der Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache. Die war einst so mächtig, dass im Jahr 2016 der damalige Onlinechef der größten Boulevardzeitung des Landes, der , sagte: „Wenn Strache einen normalen Bericht von uns auf Facebook teilt, dann merken wir, das haut die Quote auf das 1,5-Fache hoch.“

ORF-Interviews nicht mehr nötig

Dazu kam bald FPÖ-TV, ein Onlinesender, der in seinen Beiträgen ungefiltert die blaue Sicht auf Österreich darstellt. „Sterben wir Europäer aus“, heißt ein aktueller Beitrag, „Das wird dir verheimlicht“ ein anderer. FPÖ-TV ist ein Angstsender für Angstbürger. Dazu kommen die TikTok-Accounts von Abgeordneten wie Christoph Steiner mit Zehntausenden Followern. So gut funktionieren die FPÖ-Medien und weitere sympathisierende Sender und rechte Portale, dass der Parteivorsitzende Herbert Kickl vergangene Woche sogar den wichtigsten Interviewplatz des Landes – im ORF-Nachrichtenmagazin – ausschlug. Er scheint das nicht mehr nötig zu haben. 

In dieser blauen Medienwelt fehlte bis jetzt noch ein Radio, jenes Urmedium der Propaganda. Schon Joseph Goebbels feierte die „wahrhaft revolutionäre Bedeutung“ des damals so spektakulär unmittelbaren und sinnlichen Mediums und hetzte fortan direkt in die Gehörgänge der Deutschen. Später sendeten Radio Free Europe und Rias westliche Musik und Gedanken in den Ostblock.

Das Korsett des Politischen

Wenn man nun die Play-Taste drückt bei Austria First (das über das Internet und eine eigene App funktioniert, nicht über die alten Radiowellen), erklärt einem Kickl zum Sendestart selbst, was das Radio soll: Es gehe nicht etwa nur darum, eine Lücke zu schließen, sagt er, sondern um einen „Tagesbegleiter für patriotisch gesinnte Menschen“. Man gehe damit „weit über das enge Korsett des Politischen hinaus“. Dann wünscht Kickl sich von Journey, und man hat vier Minuten und acht Sekunden Zeit, um über diesen für einen Politiker doch bemerkenswerten Satz nachzudenken.

Das „Korsett des Politischen“ ist der Neuen Rechten ja tatsächlich zu eng. Ihr Erfolg speiste und speist sich in vielen Ländern auch daraus, dass es ihr gelingt, eine ganze  Alltagskultur zu schaffen. Mit eigenen Medien, eigenen Lieblingsfilmen, eigener Ästhetik. „“, nannte das einst Andrew Breitbart, einer der Pioniere der Neurechten Medienwelt in den USA. Wer Politik machen will, muss zuerst kulturell wirken, der muss an die Leben der Menschen gerade da ran, wo es vermeintlich nicht um Politik geht. 

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