Als der legendäre Sprecher Juri Lewitan am 22. Juni 1941 im sowjetischen Staatsradio verkündete, die Deutschen hätten die Sowjetunion angegriffen, senkte sich Düsternis über das ganze Land. Alle wussten, dieser Überlebenskampf würde lang und grenzenlos brutal werden. Der Große Vaterländische Krieg dauerte 1.418 Tage, eine mythische Zahl. Als Wladimir Putin ohne jeden Anlass am 24. Februar 2022 den Befehl gab, die Ukraine zu überfallen, war das für viele Russen ein Schock. Aber die meisten dachten, es würde eine Art Spaziergang nach Kyjiw werden, abgeschlossen innerhalb weniger Wochen. Es wurde ein Vernichtungskrieg, der heute 1.418 unfassbare Tage andauert.
Die russische Regierung hat im vergangenen Jahr sämtliche Vorschläge für einen Waffenstillstand in der Ukraine abgelehnt. Stattdessen präsentierte sie „Friedenspläne“ mit irrwitzigen Forderungen, die vor allem ihr Desinteresse am Frieden bloßlegten. Doch wenn Putin mittlerweile so lange kämpfen lässt wie Josef Stalin im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen, müssen sich die Russen fragen: Was haben sie erreicht – und wie lange soll das noch so gehen?
Russlands bevorzugtes Selbstbild lautet: „Wir sind unbesiegbar!“ Auf dem Schlachtfeld in der Ukraine aber ist davon nicht so viel zu sehen. Die Atomsupermacht ist stecken geblieben. Allen Nukleardrohungen, Flächenbombardierungen und dem Terrorgegen die Zivilbevölkerung zum Trotz ist Putin in vier Jahren kaum vorangekommen. Das Ziel des Überfalls 2022 war laut Putin die ganze Ukraine.
Atemberaubende Erfolge, die erfunden sind
Russland kontrolliert heute knapp 20 Prozent des ukrainischen Territoriums, das sind rund 10 Prozent mehr als Anfang 2022, am wichtigsten davon ist die Landbrücke zur besetzten Krim. Putin vermeldet seit Jahren atemberaubende Erfolge, die bei näherem Hinsehen erfunden sind oder die er nicht halten kann. Die größten Prestigeverluste erlitt er beim Rückzug vor Kyjiw und aus Cherson. Ende vergangenen Jahres vermeldete er mehrfach die Einnahme der Stadt Kupjansk, in der sich danach Wolodymyr Selenskyj filmen ließ.
Doch kommt es Putin ja vor allem auf den Donbass an. Ständig fordert er, dass die Ukraine den von ihr kontrollierten Teil des Donezker Gebietes aufgeben solle. Die Region hat er zur Gänze in die russische Verfassung aufnehmen lassen. Aus eigener Kraft konnte er die Annexion bisher nicht umsetzen. Im Vergleich mit Stalin sieht Putin alt aus: In 1.418 Tagen vermochte es die Rote Armee, die 3.000 Kilometer von Stalingrad und dem Nordkaukasus nach Berlin und Wien zurückzulegen. Und das in einem Verteidigungskrieg gegen eine ebenbürtige Armee. In 1.418 Tagen hat Putin es gegen eine an Ausrüstung und Soldaten viel kleinere Armee gerade mal von Donezk bis Pokrowsk geschafft. Das sind rund 80 Kilometer.
Dagegen stehen die gigantischen Verluste im russischen Angriffskrieg. Unabhängige russische und westliche Institutionen schätzen die Zahl der russischen Gefallenen auf 300.000 oder mehr. Zusammen mit der Zahl der Verkrüppelten, Vermissten und nicht Lebensfähigen hat Russland wahrscheinlich Verluste von über einer Million Männern erlitten. Deutlich mehr als die Ukraine. Alle Versuche, die jungen Menschen in Russland zu überzeugen, mehr Kinder zu kriegen, sind bisher fehlgeschlagen. Kriegstote, Auswanderung, Übersterblichkeit und die ausbleibenden Familiengründungen haben zu Russlands schlimmster demografischer Krise seit Generationen geführt.
Strohfeuer ist ausgebrannt
Für zwei Jahre konnte Putin wenigstens mit dem Kriegsboom protzen. Die Wirtschaft wuchs tatsächlich 2023 und 2024, angekurbelt von Panzer- und Raketenproduktion. Doch das militärische Strohfeuer ist ausgebrannt, jetzt liegt die zivile Wirtschaft des Landes am Boden, fehlen Arbeitskräfte bei Dienstleistern und Fabriken, werden russische Produkte durch chinesische ersetzt, verfallen die städtischen Dienstleister und die kommunale Infrastruktur im großen Land. Die meisten Menschen haben nichts vom Krieg, dem sie zujubeln sollen. Die Umfragen verzeichnen eine wachsende Kriegsmüdigkeit.
Doch denkt Putin gar nicht daran, den Feldzug nach 1.418 Tagen zu beenden. Denn er persönlich hat von dem Krieg profitiert. Er steht unangefochten an der Spitze des Staates und kann alle Fehlleistungen, Repressionen und Probleme mit dem Krieg rechtfertigen. Bequemer geht’s kaum. Überdies ist Aufhören für ihn gar nicht so einfach. Putin hat nach 1.418 Tagen nichts vorzuzeigen: keine große Stadt mit klingendem Namen, keine Landschaft, die den Russen wirklich etwas bedeutete, keinen Gipfel, den man gern erstürmt.
Wenigstens die vollmundigen Vergleiche mit dem Großen Vaterländischen Krieg, in dessen historische Linie Putin seinen Kampf ab 2022 gern stellte, zieht er nicht mehr so oft. Das wirkt nur noch peinlich.