DIE
ZEIT: Karina Sainz Borgo, wie beurteilen Sie von Spanien aus die Lage in Ihrem
Heimatland Venezuela?
Karina
Sainz Borgo: Was dort passiert, ist ein verrücktes Experiment. Die
US-Regierung spricht von Transformation, aber kooperiert mit dem alten Regime.
Delcy Rodríguez, die Nachfolgerin von Nicolás Maduro, ist genauso schuldig wie
er. Maduro war nicht der Präsident von Venezuela, er war der Diktator, einer der
schlimmsten Lateinamerikas. Und ein Dieb. Er ließ Menschen aus politischen
Gründen einsperren und foltern. Wir verstehen nicht, wieso die demokratischen
Kräfte nicht berücksichtigt werden. Nun heißt es, die Menschen in Venezuela sollten
wieder raus auf die Straße gehen. Aber sie gehen nicht auf die Straße. Letzte
Nacht hat es wieder so viele Schüsse und Kämpfe gegeben – und die Menschen
wissen nicht mal, wer gegen wen kämpft. Tut es das Militär untereinander, ist
die kolumbianische Guerilla involviert? Niemand weiß es. Es gibt keine unabhängigen
Informationen.
ZEIT: Wissen denn die
Mächtigen, wer gegen wen kämpft? Auch Delcy Rodríguez, die mittlerweile als
neue Präsidentin vereidigt wurde, war zunächst empört über die US-amerikanische Militäraktion – und kurz darauf zu jeder Kooperation bereit.
Sainz
Borgo: Wir wissen nicht, ob sie schon vorher Teil von Donald Trumps Plan
gewesen ist, ob sie in Verhandlungen einbezogen war. Ich weiß nur, dass auch
sie angeklagt werden müsste – sie und ihr Bruder (). Sie sind für all das mitverantwortlich,
was Maduro getan hat.
ZEIT: Wie stehen Sie mit
Ihrer Familie in Venezuela in Kontakt?
Sainz
Borgo: Ich habe Verwandte in allen Teilen des Landes. Und so erfahre ich
immer ziemlich genau, wo gerade geschossen wird, wo es Luftschläge gibt oder
Explosionen. Das ganze Land ist in Angst. Es fehlt überall an Benzin, Teile des
Landes haben keinen Strom. Die Leute trauen sich aber kaum, über all das zu
sprechen. Man weiß nicht, was gerade erlaubt ist, wer einen abhört, ob als Nächstes ein Militär auf der Straße die Textnachrichten auf deinem Telefon
kontrolliert. Es ist schrecklich, wenn man einen Gesprächspartner ins Telefon
rufen hört „Alles in Ordnung! Alles in Ordnung!“ – während im Hintergrund Scheiben klirren oder Schüsse
hallen. Nichts ist in Ordnung. Aber selbst das traut man sich nicht zu sagen.
Caracas ist die Hölle auf Erden.
ZEIT: Donald Trump sagte,
er habe dem US-Angriff wie einer Fernsehsendung zugesehen. Wie haben Sie die
Militäraktion erlebt?
Sainz
Borgo: Ich habe davon in der Nacht zu Samstag per Telefon erfahren. Es hieß
nur: „Die Gringos bombardieren Caracas!“ Ich dachte: Was? So weit sind wir
gekommen? Ich war schockiert. Ich verstehe die Venezolaner, die jetzt feiern.
Sie feiern den Sturz des Diktators. Ich kann es verstehen, aber ich kann es
nicht fühlen. Vom ersten Moment an, als ich von der Intervention hörte, hatte
ich einfach nur Angst. Angst um die politischen Gefangenen, Angst um meine
Familie. Niemand spricht davon, die politischen Gefangenen freizulassen.
Niemand von den Folteropfern. Wir reden nur über Öl und die Wirtschaft. Und
darüber, dass die Mächtigen die Lage unter Kontrolle halten – unter der
Aufsicht der USA. Man tut nicht mal so, als ginge es um Demokratie, um die
Menschen in Venezuela.
ZEIT: Wie konnte es so
weit kommen?
Sainz
Borgo: Die Venezolaner haben alles getan, um das alte Regime zu überwinden.
Sie haben einen Präsidenten gewählt, der dann nicht an die Macht kam, Edmundo González. Wir haben alle um Hilfe gebeten, alle Länder der Region: Mexiko,
Kolumbien, Brasilien. Auch Spanien. Wir haben immer wieder gerufen. Aber
niemand, niemand hat geholfen. Venezuela wurde einfach alleingelassen.
ZEIT: Sie schildern in
Ihren Romanen das Venezuela der Gegenwart als beinahe apokalyptisches Szenario
voller Gewalt, Hunger und Gesetzlosigkeit. Kann die Lage denn wirklich noch
schlimmer werden?
Sainz
Borgo: Wir wissen es nicht. Als ich noch in Caracas lebte, wurden im Jahr
2002 bei einer Demonstration, auf der ich auch war, 20 Menschen getötet,
und ich dachte: Ich muss hier raus, es ist eine Katastrophe. Seitdem sind mehr
als 20.000 Menschen getötet worden, und acht Millionen sind geflohen. Gewalt
ist allgegenwärtig. Ich habe gelernt: Es kann immer noch schlimmer werden.