Was nimmt man in Kauf, um die besten Gags der Welt zu erleben?

Ein Mitarbeiter der NBC-Studios rollt eine Schale Süßigkeiten auf einem Servierwagen den Gehweg am Rockefeller Plaza in New York entlang. Hinter den halbhohen Metallgittern legen die Wartenden ihre Bücher und Computer zur Seite, stemmen sich aus Campingstühlen oder wühlen ihre Beine unter Decken hervor, um sich zu bedienen. Worauf hier gewartet wird, fragt jemand im Vorbeigehen, aber anstatt selbst zu antworten, leitet der Mitarbeiter die Frage in Richtung des Bordsteins weiter: „Los, Leute, sagt es ihm!“

Eine Gruppe junger Menschen, die etwa fünf Meter hinter mir an einem Baum lehnen, hat für diesen Anlass mittlerweile eine kleine Choreografie einstudiert: ruft einer von ihnen mit ausgebreiteten Armen, woraufhin die anderen nach einer effektvollen Pause einstimmen: Manchmal, wenn sie gerade stehen, damit ihre Füße nicht einschlafen, hüpfen sie dabei sogar auf und ab. Es ist der legendäre Eröffnungssatz der US-amerikanischen Sketch-Comedy-Show kurz SNL. Wir warten hier darauf, ihn einmal in echt zu hören und nicht nur live im Fernsehen. Oder wie in Deutschland erst Tage später, wo man diese Art des Humors mit seinen gegenwärtigen, bösartigen und gleichzeitig brüllkomischen Witzen sonst lange suchen kann, ohne sie zu finden.

Gelegentlich fragt einer der Passanten irritiert nach, weil doch Freitag ist, und in Ermangelung einer anderen Beschäftigung erklären wir es gerne. Es gibt genau drei Wege, bei einer Aufzeichnung oder Generalprobe von SNL im Publikum zu sitzen. Entweder man ist sehr berühmt und kennt die richtigen Leute, oder man hat als Normalbürger großes Glück und gewinnt eines der Tickets, die bereits im August für die gesamte nächste Staffel verlost werden. Als dritte Option kann man die Nacht zum jeweiligen Samstag auf dem Gehweg vor dem Studio verbringen und braucht dann außerdem noch großes Glück. Für jeden der 285 Sitzplätze hält sich die Sendung einen Ersatz bereit. Um es wiederum auf diese sogenannte Standby-Liste zu schaffen, muss man sich zunächst online registrieren, wobei die Website regelmäßig nach wenigen Sekunden zusammenbricht. Vier Wochen lang hatte ich es vergebens versucht, in der fünften Woche bin ich auf der Warteliste für die Warteliste die einigermaßen hoffnungslose Nummer 203.

In der Schale mit den Süßigkeiten liegen auch kleine Snickers. Lorne Michaels, der Erfinder und Produzent von SNL, hat die mittlerweile gut eingeübte Formel der Show einst mit ihnen verglichen: Die Zuschauer würden die immer gleiche Menge an Erdnüssen, Karamell und Schokolade erwarten. Keine Experimente, sondern tröstende Gleichförmigkeit. Seit 50 Jahren wird im selben Studio und mit dem immer gleichen Ablauf eine Livesendung produziert. Michaels, der nebenbei auch die Show mit Seth Meyers und mit Jimmy Fallon produziert sowie Ziegenkäse und Blaubeeren in seinem landwirtschaftlichen Betrieb im Bundesstaat Maine, hat nicht nur die USA, sondern die ganze Welt mit Heiterkeit durch ein halbes Jahrhundert gebracht. Bis hinein in die Gegenwart, in der Donald Trump fordert, Shows von Comedians abzusetzen.

Hier werden große Stars zu Comedians und Comedians zu großen Stars

Auch auf dem Gehweg herrscht heitere Stimmung: Von der Warteliste für die Warteliste sind viele nicht gekommen, wodurch sich die Chancen aller Anwesenden erhöhen. Vor mir sitzt Alison aus Los Angeles, die als Kindermädchen in New York arbeitet; hinter mir lackiert sich Ella aus Maryland die Nägel. Eigentlich müssten zwischen uns noch rund 80 weitere Leute sitzen, aber da ist nur Tyler aus Houston. Der hat jedoch, nachdem uns die Mitarbeiter in die richtige Reihenfolge sortiert hatten, einen Joint geraucht und verbringt den Großteil der Wartezeit damit, das optimale Abendessen zu suchen. Die unbedingte Anwesenheit in der Schlange werde mittlerweile nicht mehr so streng durchgesetzt, sagt Alison. Sollte sie es morgen ins Publikum schaffen, wäre es ihre 34. Show. Früher habe man die ganze Nacht mit nur kurzen Toilettenpausen hier ausharren müssen. Im Winter hätten die Mitarbeiter manchmal sogar Suppe verteilt. An diesem Abend ist es glücklicherweise eher mild – bestes wie die Schauspielerinnen Amy Poehler und Maya Rudolph einst in einem urkomischen SNLSketch vor sich hin lispelten. Heute könnten wir davon ausgehen, dass schon ab Mitternacht die Tickets ausgeteilt werden, sagt Alison. Die garantieren uns noch immer keinen Einlass, aber einen Platz auf der Warteliste.

Gegen 21 Uhr kommt Ella sehr aufgeregt aus der Art-déco-Lobby des Rockefeller Center zurück: Sie habe gerade Chloe Fineman gesehen. Seit 2019 ist Fineman Teil des SNLEnsembles, und wir kriegen die nächste halbe Stunde rum, indem wir uns mögliche Gesprächseinstiege ausdenken, hätte Fineman nicht gerade telefoniert: Großes Lob für ihre Performance als Anna Delvey, die russisch-deutsche High-Society-Betrügerin, zum Beispiel. Oder wir hätten uns für den Ohrwurm aus dem Sketch mit Ariana Grande bedankt, in dem Fineman als untreue Braut entlarvt wird. SNL hat über die Jahre nicht nur Stars für einen Abend zu Comedians gemacht, sondern auch Comedians dauerhaft zu Stars: Eddie Murphy, Bill Murray, Will Ferrell, Tina Fey, Cheri Oteri, Kate McKinnon. Alison erzählt dann noch ein bisschen, wie es am nächsten Abend voraussichtlich weitergeht, und es lässt sich gut mit „noch mehr warten“ zusammenfassen. Sobald wir es in den Fahrstuhl geschafft hätten, seien wir aber ziemlich sicher drin.

Insbesondere wenn uns mal wieder jemand fotografiert, ist es einigermaßen schwer, sich nicht über diese Prozedur aufzuregen. Die einflussreichste Sketch-Comedy-Show der Welt müsste ihre Beliebtheit nicht künstlich herstellen, indem sie ihre ergebensten Fans einen Abend lang hinter Metallgittern wie Freaks ausstellt. Seit Donald Trumps erstem Wahlsieg 2016 hat die Show wieder hervorragende Einschaltquoten. Der Schauspieler Alec Baldwin wurde für seine Trump-Imitation dreimal nominiert und einmal mit einem Emmy ausgezeichnet. Lorne Michaels soll seine Trophäen – es sind allein 93 Emmys für SNL – derweil in das private Badezimmer neben seinem Büro gestopft haben.

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