Kürzlich in der Berliner U-Bahnlinie 1 hoch über Kreuzberg. „OMG, da ist das Hühnerhaus 36!“, sagt eine vielleicht 15-Jährige zu ihrer jüngeren Schwester. Daraufhin verlangen beide von ihren Eltern: „Lass das Menü von Zahide essen gehen!“ Diese stehen so ratlos daneben, dass man davon ausgehen kann, dass sie auch nicht wissen, was ihre beiden Töchter da gerade fordern. Nun ist das Hühnerhaus 36 („Außen knusprig, innen saftig“) tatsächlich seit 30 Jahren eine Institution für Grillhuhn in Berlin. Dass plötzlich auch Teenagerinnen dorthin wollen, liegt an einer gleichaltrigen Rapperin, die gerade alle nach 2010 geborenen Menschen in Deutschland mit TikTok-Account zu kennen scheinen.
Zahide Kayaci alias Zah1de, auch eben 2010 geboren, wächst in Berlin-Kreuzberg auf. Als Kind tanzt sie stundenlang vor dem Spiegel im Flur. Ihre Eltern filmen sie dabei. Irgendwann fragt ihre Mutter, ob sie nicht in die Tanzschule wolle? Sie landet bei Lunatix, einem Tanzstudio in Kreuzberg, gegründet von einem Mann namens Serdar Boğatekin. 2023 tanzt Zah1de zu von Beyoncé und Jay-Z in einer Umkleidekabine, lädt das Video auf TikTok hoch und erreicht rasch eine halbe Million Aufrufe. Oder um es in den Worten ihrer heutigen Plattenfirma Universal zu sagen: „Danach geht der Algorithmus komplett dumm.“
Es folgen weitere Tanzvideos, auch solche zu Songs, die Zah1de mit den Lippen synchronisiert, und schließlich der Plattenvertrag beim Major-Label. Inzwischen hat die 15-jährige auf TikTok 8,5 Millionen Follower, fast die Einwohnerzahl von Österreich. Sie ist die jüngste Preisträgerin überhaupt des ansonsten nicht gerade für Jugendkultur zuständigen Fernseh- und Medienpreises Bambi und eben ein eigenes Menü im Hühnerhaus 36 (Crispy Chicken Cheese Burger mit Pommes und Capri Sonne). Und jetzt hat sie ein Debütalbum mit dem Titel , das es, wie auch schon die Single , nun in die Top Ten der deutschen Charts schaffen und auf allen Plattformen zusammengenommen diverse Streaming-Rekorde brechen könnte. Wie also klingt es?
Rein inhaltlich handelt von einem Aufwachsen im migrantischen Berlin, wo auf harte Arbeit weltweiter Ruhm folgt, der sich dann mit Taschengeld in Millionenhöhe, einem Tracksuit von Ferragamo oder einer Fahrt in einem liebevoll als „Rari“ bezeichneten Sportwagen durch Paris materialisiert. Das ist als Aufstiegsfantasie erstmal so nah an den klassischen Erzählmotiven des Raps, dass es vielleicht interessanter ist, zu fragen: Was fehlt? Zum einen wäre da die völlige Abwesenheit von Beleidigungen, Gewaltverherrlichung und Sexismus, die den Deutschrap bis vor Kurzem noch dominiert haben.
Bei Zah1de gibt es auch keine Bezüge auf Drogenhandel und Kriminalität, die beispielsweise in den Songs des ebenfalls aus Berlin-Kreuzberg stammenden und ebenso für eine neue Generation des Deutschraps stehenden Pashanim auftauchen. Vielmehr scheint Zah1de den protestantischen Arbeitsethos deutscher Prägung so vorbildlich verinnerlicht zu haben, dass sie im Song zu melancholisch zirpenden Gitarren-Riffs selbst das Finanzamt noch mit einer Zeile bedenkt: „O weia, Prada-Cups sind so teuer / Und mein Vorschuss war , doch ich muss versteuern.“
In der gleichen Spannung zwischen Exzess und Anstand, Überfluss und Demut, und steht auch der Song , einer der schönsten des ganzen Albums. Darin deutet Zah1de den sogenannten sozialen Brennpunkt Kottbusser Tor, in Berlin meist liebevoll Kotti genannt, zu einer Côte d’Azur an der Spree um. Lipgloss, Low-Waist-Levi’s-Jeans, Prinzenbad: „Ich muss zum Hühnerhaus 36, weil ich schwör, ich fühle keine Scampis.“ Der Beat ist schwer wie die Luft, eine gezupfte Gitarre klingt nach Sonnenuntergang und Zah1de ist immer noch im schulpflichtigen Alter: „Ich pull up zur Schule, Uber-Premium und kein Bolt / Chanel-Ballerina, Bibi und Tina, hab schon gerappt in der Kita.“
Im Song ist es dann schon der Ferrari, mit dem sie ironisch „auf “ zur Schule kommt. Während ihre Eltern „ein’n Million’n-Deal“ für sie unterschreiben und sie im Gegenzug mit dem Gedanken spielt, ihrer Lehrerin „ne Roli“ zu kaufen. Wenn man das so hört, und vor allem, auf TikTok, Instagram oder YouTube zusieht, wie sich hier eine 15-Jährige im Kreis ihre Tanzfreunde völlig ohne die sonst übliche Selbstsexualisierung in die Herzen von Millionen rappt, ist man kurz davor, den Glauben an das Gute in Social Media zurückzugewinnen. Für viele männliche Rapper im Spezifischen und online-kommentierende Männer im Allgemeinen dagegen ist es kaum zu ertragen.
In welcher Welt leben eigentlich ihre hater?
Alternde Berufsjugendliche wie der Rapper Farid Bang, 39, einige YouTuber oder andere Rapper werfen Zah1de immer wieder vor: Sie sei bloß ein Produkt ihres Managements, könne gar nicht rappen und gehöre in die Schule. Naja, der Schlagersänger Heintje war 12 Jahre alt, als er 1967 zum Star wurde. Sowieso fragt man sich, angesichts all der eher traurigen Trends auf TikTok, in welcher Welt ihre eigentlich leben? Die Credits auf ihrem Album deuten zwar an, dass Zah1de die Lyrics ihrer Songs selten alleine schreibt, nur ist das inzwischen bei vielen Rappern so.
Musikalisch ist mit Tracks, die streaminggerecht selten länger als zweieinhalb Minuten dauern, und Beats, die etwas zu oft von relativ generischer Eintönigkeit geprägt sind, tatsächlich künstlerisch kein Wurf. Doch die zahlreichen verspielten Referenzen auf die Popkulturgeschichte zeigen, wie viel Spaß die Songs von Zah1de eben auch machen können. Beispielsweise wenn sie in Haftbefehls größten Hit auf sich selbst umdeutet: „Chabos wissen, wer Zahide ist“, dem Finalisten für das Jugendwort 2025 im Song mit dem Rapper Benno! ein Denkmal setzt, oder in den Rapper Xatar zitiert, der in einem Meme gewordenen Interview einmal gesagt hat, dass er sich nach seiner Haftstrafe „ohne viel Reden“ als Erstes einen „schönen Köftespieß“ wünscht.
So zeigt der Erfolg von Zah1de, dass sich mit dem Aufkommen von Social Media das Verhältnis zwischen Produktions- und Distributionssphäre auch im Rap grundlegend verändert hat. Der Weg zum Ruhm führt nicht mehr bloß, wie in der Selbsterzählung ihrer Kollegen, über jahrelange Rap- oder gar Battle-Erfahrung in Jugendzentren und Clubs, sondern heute ebenso über die nicht weniger harte Arbeit der Selbstinszenierung in Musik, Video und Trends auf Social Media. Offensichtlich hat dabei die alternde Rapgarde in ihrer dickeierigen Unbeweglichkeit schlechtere Karten als junge Künstlerinnen wie Ikkimel, Nina Chuba oder Zah1de. Oder wie es Letztere im Song auf den Punkt bringt: „Erst habt ihr mich gehatet / doch dann habt ihr es mir nachgemacht.“
