War es früher einfacher, eine Heilige zu sein? In Roberto Rossellinis Filmklassiker jedenfalls entdeckt die großbürgerliche Irene (Ingrid Bergman) nach dem Suizid ihres Sohnes vor lauter Schuldgefühlen die Arbeiterklasse und opfert sich für sie auf, bis sie von ihrer Familie in die Psychiatrie eingewiesen wird. Die Kapitalisten halten sie für verrückt, die Armen eben für eine Heilige, und ihr Gewissen ist so rein wie nie zuvor.
Aber was stellen wir heute in Europa, gut 75 Jahre später, mit unseren Schuldgefühlen an? Jeden Monat je eine Spenden-SMS für Unicef, ukrainische Flüchtlinge, Brot für die Welt, ein Kinderkrankenhaus, Woman Life Freedom, Gaza, zählt die Protagonistin in dem Film auf. Für das Drehbuch wurde der rumänische Autorenfilmer Radu Jude bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Er spielt darin auf Rossellinis an – und erzählt eine Geschichte aus der Stadt Cluj im rumänischen Siebenbürgen.
Auch hier steht am Anfang ein Suizid: Die Gerichtsvollzieherin Orsolya vollstreckt eine Räumungsklage gegen einen Obdachlosen, der in einem Heizungskeller untergekommen ist. Eine Immobilienfirma will das Haus abreißen und stattdessen ein Hotel bauen. Während Orsolya darauf wartet, dass der Mann seine Sachen packt, erhängt dieser sich. Wie genau – ein Draht an einem Heizkörper –, werden wir noch einige Male hören, denn die Gerichtsvollzieherin erzählt das Geschehen immer wieder in denselben Worten, als lege sie Beichte um Beichte ab, aber die Schuldgefühle lassen sie nicht los.
Orsolya, zunächst nüchtern und dann immer zerbrechlicher gespielt von Eszter Tompa, wirkt wie eine Frau, die gerade noch alles im Griff hatte: ein Familienleben in der Neubausiedlung – anthrazitfarbene Einbauküche, eine Blumenvase neben dem Fernseher –, und in den Ferien soll es nach Griechenland gehen. Doch jetzt wird Orsolya zur Getriebenen. Steigt immer wieder in ihr Auto und starrt stumm hinein in diese verrückte Welt.
Sie sagt den Urlaub ab und besucht ihre Mutter, die beiden gehören zur ungarischen Minderheit in Rumänien. Vor der Ungarn-Flagge im verrauchten Wohnzimmer streiten sie über Viktor Orbán und darüber, ob woanders alles besser sei. Orsolya zieht weiter, trifft einen ehemaligen Studenten, der sie mit buddhistischen Zen-Weisheiten zutextet, sie betrinken sich und haben Sex im Park. Was rebellisch und aufregend klingt, sieht eher trist aus, wie ein Ablenkungsmanöver, das nicht aufgeht. Im Gras leuchtet der Rucksack des Lieferdienstes, bei dem der Student arbeitet, auf der Mauer daneben steht noch die gerade geleerte Schnapsflasche.
Weinend sitzt Orsolya schließlich vor dem Priester ihrer Gemeinde. Selbst der versteht nicht, warum sie sich dermaßen quält: „Hast du ihm die Schlinge um den Hals gelegt?“ Auf diesem Roadtrip, dieser Expedition in die Moral und Unmoral unserer Gesellschaft, fächert Radu Jude lauter große Fragen zu Herkunft und Gerechtigkeit auf, während Orsolya daran scheitert, sich zu verzeihen.
wurde innerhalb weniger Tage und mit einer iPhone-Kamera gedreht. Es ist, als würde man direkt neben Orsolya stehen und selbst das Handy auf sie richten, so dokumentarisch wirken die Aufnahmen, wie aus dem Leben geschnitten. Und es kommt einem unvollkommen und unaufgeräumt vor, dieses Leben. Das liegt nicht nur an der Kamera: Da wird eine Handtasche ungelenk mitten im Bild platziert, im Hintergrund läuft McDonald’s-Werbung auf dem Fernseher, und aus Jackentaschen werden zerknüllte Taschentücher gezogen. Die Neubausiedlungen sind leblos und still – nur einmal kotzt Orsolya dort lautstark vor ihre eigene Haustür, nachdem sie das Gewissen mit Alkohol und Sex zu betäuben versucht hat, kotzt alles einfach raus. Aber die schreckliche Gleichzeitigkeit kann sie nicht rauskotzen: zu leben, ja sogar gut zu leben, während ein anderer es nicht mehr tut.
Zynisch wird Orsolya auf ihrer Odyssee nur einmal. Sie sagt zu ihrer Freundin, dass sie zwischen November und März einfach keine Räumungsklagen annehme: „Die könnten draußen sterben. Ich will keine Gewissensbisse.“ Orsolya ist keine Heilige wie Irene in sondern ringt beinahe zwei Stunden mit der Welt. Damit gelingt Radu Jude eine wunderbar komplexe, widerspenstige Figur, in der man sich selbst erkennen kann oder auch lieber nicht erkennen mag.
